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#SupportAuditiv Prof. THOMAS BUCHHOLZ

Inmitten der Jagdgesellschaft

Statement zur notwendigen Förderung des Ensembles AuditivVokal

von Prof. Thomas Buchholz

Eine Jagdgesellschaft aus der Regierung der DDR fand sich nach erfolgreicher Jagd wie gewohnt zu einem gemeinsamen Festschmaus im Erfurter Hof zusammen. Zu diesem Anlass wurde ein Schauspieler gesucht, der Parteigenosse sein musste, um in einem Hasenkostüm die Ansprache des todgeschossenen Hasen an die Jagdgesellschaft vorzutragen. Das war die Rolle des Theaters in einer Diktatur.

Heute stellt sich die Rolle der Musik in der Gesellschaft auf gleiche Weise. Und es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, dass das Hasenkostüm immer wieder nachgefragt ist. Der bedeutende deutsche Gegenwartskomponist Helmut Lachenmann spricht von der „Musik als existentieller Erfahrung“. Er meint nicht irgendeine Musik aus dem großen Topf der Allgemeinplätze. Lachenmann spricht selbstverständlich von seiner Musik. Aber seine Musik steht für viele heute schaffenden Komponistinnen und Komponisten. Das ist keine Frage eines bestimmten Musikstils. Das ist eine Frage einer musikalischen Haltung, die schwer zu erklären ist. Worte wie Innovation und Kreativität, um nur die häufigsten Schlagworte zu benennen, sind derart verbraucht, dass sie die Wirkmächte neuer musikalischer Haltungen kaum erklären können. Aber jene mutigen Musikerinnen und Musiker können Bereiche besetzen, die diese Welt lebenswerter machen.

Selbstverständlich sucht die Musik ihre Rolle in der Gesellschaft immer wieder neu, weil sich die Bedingungen ihrer Produktion verändern. Das ist wie mit der Malerei im 19. Jahrhundert, als die Fotografie erfunden wurde. Da musste die Malerei ihre Aufgabe neu definieren. Als nach 1930 der Tonfilm den Markt eroberte, vollzog sich auf der Theaterbühne ein Wandel. Und heute erobert die digitale Welt auch die Kunst neu und die Schaffung neuer Werke folgt neuen Mechanismen. Der Fortbestand der Gesellschaft ist ohne diese Brüche nicht möglich. Sie sind die Edelsteine, die an den tecktonischen Bruchstellen unserer Kultur entstehen. Das Ensemble AuditivVokal personifiziert einen solchen Edelstein. Die Konzerte und die künstlerischen Aktionen schaffen Erlebnisräume, die diese Welt weiterentwickeln. Gäbe es sie nicht, drohte kultureller und in der Folge auch gesellschaftlicher Stillstand. Niemand würde von einem solchen komatösen Zustand einen Gewinn haben.

AuditivVokal unter der Leitung von Olaf Katzer ist ein weit über Landesgrenzen hinaus geschätztes Ensemble, welches höchste künstlerische Ansprüche erfüllt. Es ist ein Botschafter für die Kultur Deutschlands. Daher darf man von der Politik beste Unterstützung erwarten. Das ist sozusagen mehr als eine freiwillige Leistung. Sie lässt sich kulturpolitisch, aber auch kulturhistorisch verorten.

Luther, dessen Rolle für Mitteldeutschland unbestritten ist und daher in zahlreichen Gedenkstätten und Werkausgaben politisch gefördert wird, formulierte die Aufgabe der Musikförderung so: „Etliche vom Adel und Scharrhansen (=Wichtigtuer) meinen, sie haben meinem gnädigsten Herrn jährlich 3.000 Gülden erspart an der Musica; indeß verthut man unnütz dafür 30.000 Gülden. Könige, Fürsten und Herrn müssen die Musicam erhalten; denn großen Potentaten und Regenten gebühret, über guten freien Künsten und Gesetzen zu halten. Und da gleich einzelne, gemeine und Privat-Leute Lust dazu haben und sie lieben, doch können sie die nicht erhalten..“[1]

Luther sieht die Förderung der Musik nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Pflicht der Regierenden. Er kritisiert jene, die an den Kosten sparen wollen und dadurch den wahren Wert der Musik verkennen, da sie die Bedeutung der Musik nicht verstehen. Darum appelliere ich an das demokratische Selbstverständnis und an die damit verbundene Verantwortung. Es darf nicht sein, dass man zukünftig unsere Gegenwart als liedlose Zeit beschreibt, weil für das ästhetisch Anspruchsvolle das Geld fehlte.

Eine imaginäre Militärgesellschaft wird sich versammeln, um ihre Erfolge im Kriegswesen zu feiern. Dazu benötigt man ein Ensemble, um ein passendes Heimatlied vortragen zu lassen. Irritiert über die Bedeutungslosigkeit des friedlichen Vorkommnisses lauscht die Gesellschaft den Versen: „… Ein Märchen aus uralten Zeiten …

Soll das die Rolle der Musik der Zukunft sein?

Halle, 27.12.2025

[1] XLIX. Tischreden D. M. Luthers von der Musik, Deutsche Bibliothek Verlagsgesellschaft mbH. https://www.projekt-gutenberg.org/luther/tischred/chap050.html 25.12.2025