Programmhefttext

„Liebe soll ja die Menschen blind machen. Wenn man blind ist, kann man überfahren werden. Man weiß doch schon lange, dass Gefühle gefährlich sind. Alle guten können in schlechte verkehrt werden. Die meisten Morde passieren unter Leuten, die einander lieben.“ (John Cage)

34398104_1726229487492162_8471973654517776384_n

Der Frage „Wie wollen wir leben?“ werden die meisten von uns möglicherweise mit den folgenden Worten begegnen: gut, gesund, glücklich, friedlich. So klein, so einfach…und so schwierig zu erreichen. Um 1909/10 entstand ein Sammelband, der sich genau diesem Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven widmete: Die Welt in 100 Jahren. In ihm führte Arthur Brehmer sachliche Prognosen namhafter Autor*innen über „das drahtlose Jahrhundert“, „Gedanken über die Geselligkeit“, „das soziale Leben in 100 Jahren“ u. a. m. zusammen. Es sind dies Utopien, die ausschweifend vom Fortschritt sprechen: alles wird höher, schneller, weiter — nur die Telefone werden kleiner. Das „Telefon in der Westentasche“ hat Robert Sloss schon Anfang des 20. Jh. vorausgesagt. Auch über den „Frieden in 100 Jahren“, „die Frau und die Liebe“ und „die Musik in 100 Jahren“ gibt das Buch Auskunft: „In hundert Jahren […] wird man von unseren großen Klassikern und Romantikern der Musik kaum mehr etwas kennen[,] da bis dahin unser Tonsystem auf eine völlig veränderte Grundlage gestellt sein wird, so dass man eine Musik, die sich im Gebiete des temperierten Tonsystems bewegt, ganz und gar fremd und unverständlich finden wird“, prognostiziert die Figur des Musikdirektors Dr. Futurius am imaginären Musikerstammtisch — dem auch der Autor des Aufsatzes, der österreichische Komponist Wilhelm Kienzl, beiwohnt. Dieser hingegen, noch deutlich den Traditionen der allmählich bröckelnden Doppelmonarchie verhaftet, malt eine ganz andere, nicht weniger zukunftsfähige, aber umso vergangenheitsfreundlichere Zukunft: „Da ich aber als Idealist an dem guten Genius der Menschheit nicht verzweifeln kann, so glaube ich fest an die Wiederkehr eines goldenen Zeitalters der Musik. […] Nicht mit dem Kopfe werden sie dann schaffen, nicht mit und aus Spekulation, sondern mit der Seele wie ehedem. Dann wird die Musik wieder einfach werden wie die aller unserer Großen von Palestrina bis Wagner. […] Die Tonsetzer werden wieder Erfinder sein. Sie werden nicht mit ihren Künsten den Verstand fesseln, sondern mit ihrer Kunst das Herz ergreifen.“

So sind Emotion und Pathos, ist Liebe dasjenige, was die Musik des 21. Jahrhunderts nach Kienzl ausmachen wird? Kienzl konnte die zahlreichen stilistischen Umwälzungen zwischen den 1920er bis -70er Jahren nicht im mindesten erahnen — oder er wollte es nicht. Die Verkopfungs- und Megalomanieentwicklungen nahmen ab etwa 1910 erst ihren Anfang: Strauß und Mahler, Schönberg und Reger, Ives und Debussy zeichneten für ihn Wege vor, die vor allem eines bewirken würden: die Entfremdung zwischen Künstler und Publikum. Hundert Jahre nun nach Kienzls Prophezeiungen machte sich der Schriftsteller und Komponist Helmut Krausser daran, die jahrtausendelange Übereinkunft zwischen Kunst und Publikum — nämlich die (wechselseitige) Pflicht zu unterhalten —, die nach seinem Dafürhalten im katastrophalen 20. Jahrhundert vonseiten der Komponist*innen aufgekündigt wurde, wiederzubeleben: NEUES MELOS nennt dies Krausser. „Musik als Sex, Revolte, Ekstase und Ausdruck völliger Freiheit“. Das passt doch prima in eine Zeit, in der wir uns alle — geht es nach der Literaturwissenschaftlerin Daniela Otto — aufgrund der allgegenwärtigen Medien „in einem Zustand permanenter Erregung und anhaltender Unbefriedigung [befinden]. Plakativ lässt sich formulieren: Wir sind oversexed und underfucked.“ Und wie klingt das dann? Für den Soziologen und Zukunftsforscher Matthias Horx ist Liebe „vielleicht der größte und konstanteste Retro-Trend der Gegenwart. Ein Trend, der alle Zukunftsbilder, alle Utopien auszustechen scheint. […] Liebe, Familie und Beziehung entziehen sich dem futuristischen Muster, in dem alles ,geradeaus vorwärts‘ zu streben scheint. Auf paradoxe Weise scheint die Liebe keine Zukunft zu haben, weil sie selbst die Zukunft ist, im Sinne unserer Sehnsüchte und unseres tiefsten Verlangens.“

Der Frage „Wie wollen wir lieben?“ ist mit einer einfachen, allein seligmachenden Antwort freilich nicht beizukommen. Eine Antwort soll auch dieses Konzert nicht liefern, möchte aber auf durchaus doppeldeutige Weise anregen…oder gar erregen. Die Stücke des Abends thematisieren unterschiedliche Konstruktionen der Liebe und heben mit Bezug auf Niklas Luhmann hervor, dass Liebe nicht nur ein Gefühl, sondern zuvorderst ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium ist, „das es ermöglicht, erfolgreich Gefühle auszudrücken oder zu negieren“. Frei nach Paul Watzlawick könnte der Untertitel zum heutigen Konzert, das in Kooperation mit der Veranstaltungsreihe Mensch & Mensch von KlangNetz Dresden und dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden stattfindet, auch lauten: Wir können nicht nicht lieben! Olaf Katzer und AUDITIVVOKAL DRESDEN zeigen dies anhand mehrerer Paarungen, die verschiedene Resonanz- und Entfremdungsgrade zwischenmenschlicher, aber auch ästhetischer und metaphysischer Nuancen vorstellen: „Eine jede wirkliche Liebe besteht in der Entdeckung, dass der andere gerade das verkörpert, was einem selber in der eigenen Brust fehlt; in jeder wirklichen Liebe erscheint der andere als Gestalt gewordene Inkarnation eben der Hohlstelle aus Sehnsucht und Verlangen, die sich im eigenen Herzen auftut“, konstatiert diesbezüglich Eugen Drewermann. Das (Auf-)Füllen dieser Hohlstellen und das Erkunden der eigenen Grenzen der Liebes- und Leidenskompetenzen thematisieren die einzelnen Paarungen des Abends auf je eigene Art und Weise.

Festival Olomouc

Festival Olomouc

Thea von Harbou, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Drehbuchautorinnen ihrer Zeit, stellt ihrem 1926 — also vergleichsweise kurz nach Wilhelm Kienzls Utopie über „die Musik in 100 Jahren“ — erschienenen und bereits im Folgejahr von Fritz Lang verfilmten futuristisch dystopischen Erfolgsroman Metropolis die im wahrsten Sinne schlagende und auch noch heute gültige Erkenntnis voran: „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.“ Diese kapitalismus- aber auch fortschrittskritische Maxime verbindet von Harbou mit ihrem Zeit- und Glaubensgenossen Kienzl, und wird hundert Jahre später ebenso leidenschaftlich von Helmut Krausser und nicht zuletzt auch vom Dirigenten Olaf Katzer in Anspruch genommen.

In fünf Paarungen stehen sich in diesem Konzert Werke gegenüber, die in abwechslungsreichen Intensitäten zueinander in Beziehung treten: Michael E. Edgerton gestaltet seine hochkomplexen, dabei doch so fragilen Klänge aus den fragmentarisch überlieferten Motettenkompositionen aus dem englischen Worcester des 13./14. Jahrhunderts. Ganz soweit zurück blicken Joachim Heintz und Vito Palumbo nicht, wenn sie sich in ihren Werken einer Re-Komposition von Madrigalen von Carlo Gesualdo und Claudio Monteverdi widmen. Hinwiederum nimmt Arne Sanders sich eines Liedgebets der Mystikerin Mechthild von Magdeburg an und kombiniert es mit einer Melodie aus dem Genfer Psalter — was nun aber so gar nicht zur erotischen Dada-Studie Erwin Schulhoffs zu passen scheint. Nicht weniger unverbunden stehen John Cage und André Serre-Milan zueinander. Die Paarbildung wird immer wieder aufs Neue versucht und unterbrochen: ein Konzert der „Beziehungen der Beziehungslosigkeit“ (Jaeggi 2005) erwartet Sie. In ihrer soziologischen Erklärung Warum Liebe weh tut (2011) gibt Eva Illouz mit dem „Regime der Performativität von Gefühlen“ den passenden Begriff für die Dramaturgie des heutigen Konzerts.

Peter Motzkus

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+