Interview mit Richard Röbel anlässlich der Uraufführung seines neuen Werkes „passages“

Von „konsonanten Dissonanzen“ und „dissonanten Konsonanzen“

Ein Gespräch mit Richard Röbel anlässlich Uraufführung seines Werkes „passages (Bruchlagen)“ durch AUDITIVVOKAL DRESDEN

Interview: Olaf Katzer

Eine ganz banale Frage zu Beginn: Warum komponierst Du?

Mich reizt ganz besonders der Austausch zwischen Instrumentalist, Klang, meiner Fantasie und dem Instrument. All das, was sich zwischen diesen musikschaffenden Parteien ereignet, hat eine besondere Kraft, die nicht synthetisch oder durch Algorithmen erzeugt werden kann. Es handelt sich dabei um eine Art Rückkopplungsprozess, in dem jeder Teil – Instrument, Interpret und Komponist – kompositorisch aktiv wird. Dabei interessiert mich das Subjekthafte, das aus meiner Sicht einem Stück eine Unmittelbarkeit verleiht. 

In der heutigen Zeit ist es mit Kategorisierungen neuer Musik besonders schwer und vielleicht gar nicht sinnvoll. Aber dennoch: Wie oder wo verortest Du Dich kompositorisch-ästhetisch?

Mich interessiert all das an Klang, Instrument und Notation, was nicht fassbar ist und damit individuell. In diesen individuellen Bereichen sich zu orientieren, da nachzuhören, nachzuforschen und dies teilweise auch nicht fassen zu können, ist ein enormer Reiz des Komponierens. Das bedeutet für mich, dass ich sehr genau die Klangstrukturen beobachten, diese ernst nehmen und bis ins kleinste Detail analysieren muss: intuitiv, mit technischen Mitteln, aber auch mit ihren Konsequenzen in der Notation. Ich komme somit gar nicht umhin, spektral zu denken. Ich denke aber nicht in einer mathematischen ObRöbelertonmatrix, sondern versuche das mir entgegentretende klangliche Subjekt zu fassen. Wenn wir uns beispielsweise in die Klangstruktur einer tiefen Klaviersaite vertiefen, dann hat das mit der mathematisch determinierten Obertonreihe absolut nichts gemein, denn die Obertonstruktur ist komplett deformiert und instrumental individualisiert. Im Grunde möchte ich mich als eine Art instrumental-körperlicher Spektralist bezeichnen, weil mich interessiert, wie die Klangkörper ein Spektrum unverwechselbar filtern und färben. Das so Gehörte und Beobachtete, ist sehr reizvoll und unvorhersehbar.

Du hast Dich intensiv mit dem Klangcharakter und den musikalischen Möglichkeiten der menschlichen Stimme auseinandergesetzt. Was fasziniert Dich denn an der menschlichen Stimme?

Mich fasziniert an der menschlichen Stimme, dass sie geballt all das ist, was mich eigentlich reizt – nämlich komprimierte Individualität – und das auch bei sehr gut ausgebildeten Stimmen. Wir können auch eine geschulte Stimme an ihren Formanten erkennen, obwohl sie durch ein jahrelanges Studium der Verfeinerung gegangen ist. Kaum ein anderes Instrument kann so spezifisch die spektrale Klangstruktur variieren – durch Vokale, durch Vibrato, durch die Herauskristallisierung von Obertönen, Hauch, mehr oder weniger Körperanteil und das alles ist direkt an den Körper gekoppelt als ureigenste klangartikulatorische Möglichkeiten des Menschen. Damit wird Stimme klanglich unmittelbar, da sie auch extrem belegt ist in ihrer emotionalen Dimension. Andererseits ist es auch eine Chance, denn wo emotionale Aufladung herrscht, herrscht auch ein enormer Bedarf und Möglichkeit der Brechung.

Auch für das Werk, das Du für uns geschrieben hast „passages“, hast Du im Vorfeld Klangforschung betrieben, indem Du individuelle Klangportraits jeder einzelnen Stimme erstellt hast. Dabei ging es um ein Thema, was für Sänger gar nicht so gerne thematisiert wird, nämlich die Bruchlagen (also der Registerübergang, der) Was ist bei Deinen Forschungen rausgekommen und wie können wir uns? Was passiert in dem Werk?

Ich habe versucht, eine relativ innerliche Vorstellung einer stimmlichen Persönlichkeit zu gestalten. Wie habe ich das gemacht? Ich habe die Bruchlagen der Sänger und deren Sprechstimme analysiert und bin dabei auf Bündel oder Ansammlung von Tonhöhen gestoßen, wo sich deren Stimme gerne aufhalten, wo sie gerne rezitieren. Diese Rezitationstöne sind mit den Bruchlagen nicht unidentisch. Interessanterweise hat sich durch die Analyse ein gemeinsamer Akkord herausgebildet: Ges/Fis-Dur-Akkord. Es sind zehn verschiedene ges/fis vorhanden, auch verschiedene Terzen und Quinten: allesamt mit einer spezifischen Formantstruktur. In diesem „erzkonservativem Material“, entfaltet sich nun die Persönlichkeit jedes einzelnen Sänger, durch Interferenzen, Vokalisation und Obertongesang. So entstehen Konsonanzen, die dissonant sind, aber auch Dissonanzen, die aufgrund ihrer Obertonstruktur sehr konsonant wirken. Ich behaupte, dass diese Differenz, diese innere individualisierte Spannung der Klänge, gerade aus der Arbeit mit den Sänger entstanden ist.

Neue Musik hat es nach wie vor sehr schwer in der Wahrnehmung der Gesellschaft. Woran liegt das?

(lange Pause) Es liegt aus meiner Sicht daran, dass die Gesellschaft desensibilisiert ist. Denn wenn man Kinder, die noch sehr assoziativ sind, mit Neuer Musik konfrontiert, dann reagieren diese viel unmittelbarer darauf. Das bedeutet, dass diese Musik doch in gewisser Weise zu den Menschen spricht. Ich denke, dass durch die Prägung ob im klassischen oder populären Bereich, einfach dieser Zugang zur unmittelbaren Reaktion verstellt ist. Ich denke, dass vor allem die Stimme Potential hat, diese Unmittelbarkeit wieder herzustellen – sowohl durch Sprache als auch durch ihre vokale menschliche Qualität.

Wieviel Realitätsbezug braucht die neue Musik von heute?

röbel4Ein Realitätsbezug kann ja auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Wenn ich es schaffe, mit einem Klang oder Stille einen bestimmten unerhörten Bereich im Wahrnehmungsbereich des Zuhörers zu aktivieren, dann hat das auch einen Realitätsbezug. In meinem Stück habe ich insofern auch einen Realitätsbezug gewählt, da ich einen Text verwendet habe von Etienne de la Boétie, der als erstes die Tyrannei anprangert und zwar entschieden. Insofern hat dieses Stück einen weiteren Realitätsbezug, der aber nicht in Parolen oder mit semantischer Aufladung daherkommt, sondern auf klanglicher Ebene versucht zu sensibilisieren und das Ohr zu öffnen. Das ist ja auch eine Grundbasis der Freundschaft, was im Text von la Boétie als Gegenmodell der Tyrannei dargestellt wird – als kleinste menschliche Einheit.

Neben der eigenen kompositorischen Tätigkeit engagierst Du dich in unserem Schülervermittlungsprojekt im Vitzthum-Gymnasium. Das Besondere ist dabei, dass Du die Schüler hast mitkomponieren lassen. Wie ist Deine Erfahrung damit? Warum ist Dir das wichtig?

Das Schönste dabei war, dass man von Stunde zu Stunde beobachten konnte, wie die Schüler immer präzisere Ideen haben, wie sie das, was sie tun – sei es ein einzelner Ton oder ein einzelnes Geräusch mitgestalten. Es sollte zunächst eine Kurzversion des Stückes von Auditiv werden, aber durch den Austausch mit den SchülerInnen hat es sich ergeben, dass ganz andere Ideen zusammengekommen sind. Die schönste Erfahrung war, dass ich nicht Schöpfer, sondern Mitschöpfer war und dass die kreativsten Ideen von den Schülern kamen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

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